Winterbild

Wenn die Bäume mir zugedeckt

mit einer Haut aus gefrorenem Tau zuwinken,

wenn die Wiese nur mehr ihr Grün erahnen lässt,

wenn letzte Blumenköpfe

mir mit ihrer weißen Haube entgegenblicken,

zieht es mich hin

und ich muss raus,

mitten ins faszinierende Winterbild.

Möchte es knistern hören unter meinen Füßen,

möchte die Frostgebilde berühren,

möchte sie ganz nah betrachten,

die Kunstwerke der Natur.

Ein paar schwache Sonnenstrahlen,

die sich mühsam durch dichte Nebelschwaden drängen,

lassen es glitzern - überall.

Mein warmer Atem friert an der kalten Luft,

schickt dem Nebel Grüße.

Ein ruhiges,

scheinbar unberührtes Stück dieser Erde

durchdringt mich,

überströmt mich,

hüllt mich ein.

Ich spüre die Klarheit,

die Reinheit,

die Frische,

die Behutsamkeit der Schöpfung.

Lasse sie leise auf mich wirken,

sauge sie dankbar auf.

Nehme sie mit,

diese wunderbare Begegnung,

hinein ins warme Haus.

Mein Blick schweift aus dem Fenster

und ehe es dunkel wird,

kann ich es noch immer sehen,

wie die Bäume mir lächelnd zuwinken…

 

 

Vertrautheit

Manchmal bist du ein Freund,

manchmal ein Fremder,

manchmal ist es ein Baum, eine Blume,

manchmal ein Ort, ein Gedanke,

manchmal ein Lächeln, ein Weinen,

manchmal ein Buch, ein Wort.

Und immer spüre ich es,

dieses angenehme Gefühl,

so, als wärst du schon immer da.

Als würde ich dich schon ewig kennen.

Ich spüre eine Hand,

die sich ausstreckt nach mir,

es regnet Blütenblätter in mein Herz,

wohlige Wärme strömt durch meinen Körper,

meine Gedanken sind leicht und unbeschwert,

auf meinen Lippen

liegen harmonische, wohltuende Wörter,

sanfte Melodien klingen in meinen Ohren.

Ach, wie behutsam mich die Vertrautheit begleitet.

Sie überholt mich nicht,

sie bleibt nicht hinter mir stehn.

Unaufdringlich geht sie neben mir.

Ich muss sie nur wahrnehmen

in den tausenden Dingen,

die sie mir entgegenhält.

                                                                      

 

Sprachlos

Nimm sie mit ein kleines Stück auf deinem Weg –

die Ohnmacht der Sprachlosigkeit –

und lass sie dann irgendwo frei.

Vielleicht findet sich irgendwo ein Plätzchen,

an dem sie ein wenig verweilen kann.

Hoffentlich bringst du sie mir,

liebster Wind,

dann irgendwann zurück –

als leise Worte –

und ich kann endlich verstehen,

was es ist,

das das Eis nicht zum Schmelzen bringt.

                                              

 

Zu Hause

Zu Hause ist der Platz der Vertrautheit.

Zu Hause ist der Ort der Gewohnheit.

Zu Hause ist das Gefühl der inneren Ruhe,

der bedingungslosen Liebe,

des völligen Angenommenseins,

des Staunens über Kleinigkeiten,

der Freude am Kinderlachen

und auch der Sorge um die Liebsten,

manchmal des Ärgers über Banalitäten.

Ich muss es nicht mehr suchen,

ich habe es zum Glück gefunden –

meinen Platz,

meinen Ort,

meine Gefühle, mein zu Hause

auf diesem kleinen Fleckchen Erde!

 

 

Uns selbst genießen

Wie schön ist doch das undurchschaubare Geheimnis unserer selbst!

Es macht uns unvergleichlich zu einem unlösbaren Rätsel

und hin und wieder zu einem offenen Buch!

Genießen wir uns selber!

Nur einer weiß um unserer innigsten Gedanken

und lässt uns so, wie er erschaffen.

Grüble nicht,

es bleibt dennoch so, wie es ist!

Wie schön ist es, dass wir auf dieser Welt

ein kleines Weilchen verweilen dürfen!

Nutzen wir die Zeit, die uns gegeben.

Schon morgen kann es anders sein!

 

 

Wo bist du nur?

Wo bist du nur,

geliebtes Lächeln?

Hast du keine Zeit für mich?

Oder ist es vielleicht so,

dass ich auf dich vergessen hab.

Wie sehne ich mich nach deinem zarten Streicheln.

Es tut so gut,

wenn du mich wohlig warm liebkost.

Doch scheinbar ist es grade schwer,

sich mit dir einzulassen.

Du suchst mich und ich such dich.

Wir können uns nicht finden.

Auf unsrer Suche begegnen wir den seltsamsten Gedanken.

Sie hindern uns am klaren Blick.

Bedrängen uns mit so viel Widerstand.

Doch ich versuche stets,

einen Hauch von dir in meinem Herzen zu spüren.

Denn ich will,

das glaube mir,

dich nicht ganz verlieren.

Viel zu kostbar bist du mir,

als dass ich dich so einfach gehen ließe

und nicht um dich kämpfen würde.

Und ich versichre dir,

ich finde dich

und auch du wirst mich

ganz neu für dich entdecken.

Es braucht nur ein klein wenig Zeit,

ich freue mich schon jetzt darauf,

wieder deine vertraute Nähe zu spüren.

 

 

Herbstgeflüster

Reiche Gaben sind uns geschenkt.

Ich schmecke die Süße der vielfältigen Früchte.

Ich sehe die Farbenpracht der Blüten und Blätter.

Ich spüre den kühlen Wind,

der so gerne mit mir spielt.

Und ich lasse mich darauf ein!

Er bläst mir ins Gesicht

und öffnet mir die Augen für die Schönheit und Fülle der Schöpfung.

Welch unglaubliches Wunder, wenn  uns der Herbst zuflüstert!

 


Wolkenträume

Verträumt und fasziniert von den Gebilden der Wolken

ist meine Fantasie fast grenzenlos.

Ach, kleiner Vogel, nimm mich mit,

um dieses Schauspiel mal ganz nahe zu betrachten.

Vielleicht wäre es auch schön,

sich hineinzulegen –

wie es sich wohl anfühlt?

Kaum sehe ich einen Augenblick nicht hin,

ist ein neues Bild entstanden.

Und ich rate wie ein kleines Kind,

was mir der Himmel diesmal malt.

Mit einem Lächeln freu ich mich für jeden,

der diesen Zauber mit mir teilen kann!

 

 

Ein neuer Tag

Ich erwache

und es ist schon hell.

Schnell mache ich mich auf

um die Sonne am Horizont zu erwarten.

Langsam und gemächlich

bahnt sie sich ihren Weg.

Erst sind nur ein paar Strahlen zu sehen,

dann erblicke ich schon das grelle Licht.

Ach, wie ich doch die Kraft spüre,

mit der sie immer höher emporsteigt.

Es ist, als ob sie die Arme ausstreckt

und mir jede Menge Energie schicken will.

Die Blüten strecken ihre Köpfe aus nach ihr.

Die Grashalme sind noch geschmückt

mit kleinen, glitzernden Tautropfen.

Sie lassen meine nackten Füße

noch ein wenig die vergangene Nacht erspüren.

Spinnennetze glänzen im Strahl ihres Lichts.

Ein Vogel segelt an meinem Kopf vorbei.

Ich drehe mich

und lasse mich von allen Seiten

durchfluten mit den wärmenden Strahlen.

Lieblich, ganz zärtlich hüllt sie mich ein.

Kitzelt mich, blendet mich

streichelt mich sanft.

Flüstert mir leise ins Ohr:

Ein neuer Tag ist angebrochen!

 

 

Der Mond

Er starrt mich a mit fesselndem Blick.

So, als wollte er mir sagen:

Ganz gleich, was da unten passiert,

ob es laut ist oder leise,

ob ihr Menschen glücklich seid oder nicht –

ich leuchte für euch,

male Bilder in euren Kopf.

Eine seltsame Magie liegt in der Dunkelheit.

Geheimnisvoll wirken die Bäume, die Häuser,

die Straßen in seinem fahlen, dumpfen Licht.

So anders und doch vertraut

erscheint die Welt um mich herum.

Fast so, als würde sich die Erde

plötzlich langsamer drehen.

Ich denke nach über tausend Dinge,

spüre, wie Zufriedenheit sich ausbreitet in mir.

Und jedes Mal, wenn ich den Mond leuchten seh,

bin ich unendlich dankbar,

denn ich weiß –

wieder ist ein Tag vergangen,

den ich erleben durfte.

Du ziehst weiter deinen Kreis,

leuchtest für mich und die ganze Welt.

Manchmal mehr, manchmal weniger,

doch immer geheimnisvoll und unnahbar.

Du malst dein wachendes, begleitendes Bild

am Himmel auf

und verzauberst jeden von uns

auf eine andere Weise!

 

Renate Laller