Die Zeit und die Mächtigen

O treuer und gerechter Vater. Die Zeit ist Deine schönste Gerechtigkeit. Jeder erhält sie nach Deinem Maße. Wir dürfen beinahe alles kaufen: Güter, Menschen, Ruhm, Liebe. Doch die Zeit bleibt heilig und souverän. Wir können Kriege anzetteln und neue Länder erobern. Doch die Zeit entzieht sich uns. Wir können die Zeit nicht erobern. Wir können den Nachbarn seines notwendigen Brotes bestehlen. Die Zeit bleibt uns unerreichbar verwehrt. Wir können unsere Babeltürme aufbauen und niederreißen. Doch der Zeit gegenüber bleiben wir machtlos. Wir können die Welt retten und therapieren. Doch die Zeit schenkt uns das Heil. Nur die Zeit therapiert wirklich. Wir können einander ausbeuten und zu Dienern und Sklaven machen. Doch die Zeit bleibt stets majestätisch und unantastbar anwesend. Die Zeit steht über uns. Wir schwinden und vergehen. Die Zeit bleibt eine freie Herrin in unserer Welt. Wir besetzen Deinen Thron, o Vater und schaffen eigene Gesetze. Wir erlegen Deiner Welt unsere Ordnungen auf. Du schenktest uns Deine großen zehn Lebensworte. Wir aber produzieren tausende eigene Gesetze. Wir bauen uns fantasievolle Denkmäler. Deine Zeit verweht sie spielerisch im Sand der Geschichte. Wir gaukeln einander überzeugend die Sicherheit vor. Wir schaffen das. Wir erschaffen die vielfältigen Gefühle der teuren Absicherung.

Deine Zeit aber erinnert uns mit Bestimmtheit und gelassen nur an das Eine: wir werden dem göttlichen Vorboten, dem Bruder Tod begegnen. Deine Zeit, o Vater sichert uns bloß den Aufenthalt an der Haltestelle des Todes. Wir bewegen und motivieren einander. Deine Zeit bleibt unbemerkt mitten unter uns. Wir drängen uns auf der schmalen Leiter der Ämterhierarchien. Deine Zeit ignoriert alle Titel und Wichtigkeiten. Wir üben unsere Macht offensichtlich und auch verborgen aus. Deine Zeit hat all das nicht nötig. Sie mahlt die Weizenkörner für Dein Brot, o Vater. Unsere Macht übt den Druck auf die anderen aus. Selbstsicher weist sie ihnen den gebührenden Platz in der Rangordnung zu. Deine Zeit geht leise und frei auf ihren Fußspitzen durch unsere Welt. Sie wandert - wo und wohin sie will.

Wir vergessen Deine Zeit, Deinen heiligen Atem in uns. Deine Zeit vergisst uns nicht. Unsere Herrscher  prahlen und präsentieren sich. Deine Zeit begnügt sich mit ihrem demütigen Dienst. Unsere Machthaber herrschen. Deine Zeit dient und erfüllt gewissenhaft Deinen Auftrag. Unsere Mächtigen bedrängen uns. Deine Zeit begrenzt sie. Unsere Großen stehlen uns gekonnt, meist unbemerkt, unsere Zeit. Deine Zeit holt alles von ihnen zurück. Wir kleiden uns prächtig. Deine Zeit stattet uns alle mit dem göttlichen Kleid der kindlichen Nacktheit aus. Wir setzen uns verschiedene Machtkronen auf. Deine Zeit erlaubt es sich, sanft und unkorrekt, unser verwehtes Haar zu kämmen und zu streicheln.

Vater. Deine Zeit ist die Gerechtigkeit selbst. Sie ist Dein Recht und Dein Hab und Gut. Wir können beinahe alles besitzen. Deine Zeit wird stets uns besitzen. Und das ist gut so – wenn ich überhaupt etwas bewerten darf. Amen

 

Einsamer Augenblick

O ewiger Vater. Wie schnell verlieren wir Dich aus den Augen. Wie gerne sezieren und portionieren wir die Zeit. Wie leichtsinnig versuchen wir, uns Deiner Zeit zu bemächtigen. Als selbsternannte Besitzer zerschneiden wir den Zeitbaum in drei unterschiedliche Teile. Wir bilden uns ein, die Wurzeln vom Stamm und von den Früchten steril getrennt zu haben. Das Reich der Zeit teilten wir in drei Zonen auf. Wir glauben naiv an die gegenseitige Unabhängigkeit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Blauäugig verwechseln wir Selbständigkeit mit Unabhängigkeit. Wir bereichern uns durch den Verkauf der modischen Waren. Mit derartigen Märchen beuten wir einander aus und locken einander in das zertrennte Niemandsland der Zeit.

Deinen väterlichen Blick übersehen wir. Unsere pubertierende Sichtweise erklären wir dogmatisch zum einzig richtigen Blickwinkel. Den kindlichen Lauf auf der blumenreichen Wiese opfern wir dem Blättern in einem Bilderbuch. Das erquickende Bad in der Frische der Morgenluft tauschen wir gegen den schweißtreibenden Saunagang. Der lange herbstliche Waldspaziergang durch das farbenfrohe Laub macht dem gemütlichen Anschauen von Dschungelbildern Platz. Wir verzichten auf den mutigen Sprung in den kalten Gebirgsbach und begnügen uns mit dem Fotografieren von Wasserfällen. Der Artikel in einer Tageszeitung scheint uns oft klüger zu sein als das Blättern im Buch der Natur. Gegen jeglichen gesunden Menschenverstand berauben wir den lebendigen Augenblick der Vergangenheitsschuhe und verblasen den zarten Duft der Zukunft. Gegen das eigene Herz sperren wir drei unterschiedliche Zeitkinder in Einzelzimmer und verbieten ihnen, miteinander zu spielen.

Vater, was ist es in uns, dass wir uns weigern wie ein Baum zu leben? Was wären wir ohne unsere Verwurzelung in unserer heiligen Gegenwart? Ohne sie wären wir beinahe schutzlos dem verführerischen und vereinsamten Augenblick ausgeliefert. Wie gefährlich haltlos würden wir unsere zukünftigen Luftschlösser bauen, ohne die Rücksprache mit der älteren Schwester Vergangenheit. Wie kurzsichtig und pubertierend würde unsere kindische Gegenwart umherlaufen, ohne den warmen geschwisterlichen Händedruck von Vergangenheit und Zukunft. Die verwaiste Vergangenheit gleicht einem Friedhof. Die leichtlebige Gegenwart allein, wäre wie eine unersättliche Eintagsfliege. Die separierte Zukunft allein, wäre nur ein verführerisches Gedankenspiel. Nur Dein väterlicher Blick führt jene selbständigen Zeitkinder zusammen. Nur Deine väterliche Gegenwart verwandelt sie in eine glückliche Familie.